Texte, Publikationen, Manuskripte

 

Umgang mit Krankheit in anderen Kulturen*von Barbara Klose-Ullmann

(erschienen in Was machen wir aus der Krankheit?, hrsg. von Barbara Klose-Ullmann,
Accedo-Verlag, München 2006, ISBN 3-89265-091-8, EUR 12,80)


Umgang mit Krankheit ist ein Thema, das mich seit meiner eigenen schweren Erkrankung im Jahre 1997 nicht mehr losge­lassen hat. Ich wollte wissen, wie andere Menschen mit einer lebensbedrohenden Krankheit oder auch einer chronischen Erkrankung fertig werden und ihr Leben einrichten. Darüber habe ich in meinem ersten Projekt zu diesem Thema Gesprä­che mit Betroffenen geführt und diese Interviews zu einem Buch (Klose-Ullmann, 2003) verarbeitet.
Im vorliegenden Lesebuch bin ich anders vorgegangen: Die Autoren kommen direkt, also ohne den „Umweg“ über meine Fragen, zu Worte. Ich habe den Autoren relativ freigestellt, welche Aspekte sie behandeln wollen. Trotzdem ergeben sich gerade in den Berichten von Betroffenen Gemeinsamkeiten: Dieselben Faktoren, über die Menschen in meinem Interview-Buch erzählten, wenn ich sie fragte, was ihnen geholfen hat, ins Leben zurückzufinden, werden auch im vorliegenden Buch angesprochen. An oberster Stelle stehen Familie und Freunde. Für Sylvia Frey Werlen sind sie lebenswichtig, damit sie wieder Boden unter den Füßen bekommt. Claudia Reichelt meint, ohne ihre Freunde hätte sie es nicht geschafft, mit ihrer Behinderung „ganz zufrieden zu leben.“ Auch Andreas Pawlas weist darauf hin, daß „ … Heilung mit der Beziehung zum Arzt zu tun (hat), mit der Beziehung zu anderen Menschen – weshalb sich vielfach die ganze Familie am Krankenbett ver­sammelte – und nicht zuletzt mit der Beziehung zu Gott …“
Dies wird auch durch wissenschaftliche Untersuchungen unterstützt. In einer Studie über Glücksfaktoren, die die ame­rikanischen Psychologen Edward Diener und Martin Seligman im Jahre 2002 an der University of Illinois durchführten, zeigt sich, daß enge Beziehungen zu Familie und Freunden und das Bedürfnis, mit ihnen zusammensein zu wollen, ganz oben in der „Glücks-Skala“ rangieren (vgl. Time Magazine, 7. Fe­bruar 2005, S. 41). Zu diesem Schluß kommt auch Peter Herschbach, Professor für Psychotherapie an der Technischen Universität München. Er analysierte die Ergebnisse von Stu­dien, welche die Lebensqualität von mehr als 10.000 Patienten mit chronischen Erkrankungen untersucht hatten, und stellte seine Schlußfolgerungen auf einem Seminar in der Evangeli­schen Akademie Tutzing in dem Referat „Chronische Erkran­kung und Lebensqualität“ vor. Kranke empfinden enge Bezie­hungen zu Familie und Freunden als ein wichtiges Indiz ihrer Lebensqualität.
Fragen nach Lebensqualität und Bewältigungsstrategien gehe ich auch in einem interkulturellen Projekt nach, an dem ich seit einiger Zeit arbeite. Mich interessiert dabei, wie man in anderen Ländern und Kulturen mit Krankheit umgeht, und ob sich kulturelle Unterschiede zeigen. Ich glaube, im Westen können wir viel von anderen Kulturkreisen lernen. Im Gegen­satz zu meinem ersten Buch, in dem ich Männer und Frauen mit ganz verschiedenen Krankheiten interviewt habe, führe ich jetzt Gespräche mit Frauen, die an Brustkrebs erkrankt waren. Das hat verschiedene Gründe:
· Für mich als Frau ist es leichter, ungeachtet eventueller kultu­reller Schranken mit Frauen „von Frau zu Frau“ zu sprechen.
· Da Vergleiche aussagekräftiger sind, wenn man beim Um­gang mit Krankheit von einer gemeinsamen Basis ausgeht, hielt ich es für sinnvoll, Frauen zu interviewen, die an der gleichen Krankheit leiden.
· Die am weitesten verbreitete Frauenkrankheit ist Brustkrebs.
· Brustkrebs trifft die Frau in ihrem Wesen als Frau und gibt möglicherweise auch Aufschluß über die Stellung der Frau in einer Gesellschaft.
Mir geht es zum einen darum herausfinden, wie sich die Erkrankung auf das Leben und die Einstellungen der einzel­nen Gesprächspartne­rinnen auswirkt, zum anderen, wie die jeweilige Gesellschaft mit Brustkrebs umgeht, und inwieweit dies das Selbst- und Fremdbild der Betroffenen prägt.

Erfahrungen in Japan

Im Sommer 2004 reiste ich zu Interviews nach Japan und China. Ich wußte nicht, ob Brustkrebs dort tabuisiert würde, wie es hierzulande schließlich noch in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts der Fall war. Um so größer war meine Überraschung, als ich in Japan mein erstes Interview führte. Die betreffende Frau hatte sich vorher mit meiner Projektbe­schreibung und den Fragen auseinandergesetzt und stand mir nun bereitwilligst Rede und Antwort. Auch die Tatsache, daß mein Dolmetscher ein Mann war, schien sie nicht zu stören.
Bei ihr war vor sieben Jahren Brustkrebs im dritten Stadium diagnostiziert worden; ihr wurden beide Brüste abgenommen. Dabei half ihr, daß sie absolutes Vertrauen in den behandeln­den Arzt hatte: „Wenn er mir nicht helfen kann, kann mir nichts mehr helfen“. Nach dem Krankenhausaufenthalt mußte sie sich einer elfmonatigen Chemotherapie unterziehen. Wäh­rend dieser Zeit arbeitete sie – nach zweiwöchigem Kran­kenstand zu Hause – wieder voll bei einer Pharmafirma. Am Freitagnachmittag ging sie zur Chemobehandlung und brauchte das ganze Wochenende, um sich halbwegs zu erho­len. Da sie allein lebte und nur sehr selten Besuch bekam, fühlte sie sich ziemlich isoliert – das empfand sie damals als das Schlimmste. Um so mehr freute sie sich auf den Montag in der Firma; dort traf sie ihre „Ersatzfamilie“. Sich in die Arbeit zu stürzen, war ihre Art, mit der Krankheit fertig zu werden. (Kurz darauf erzählte mir eine Frau aus Jerusalem, die Brust­krebs hatte, in Israel sei es normal, daß man sehr schnell nach der Operation wieder am Arbeitsplatz erscheine und die Chemo „nebenbei“ erledige. Natürlich könne man sich krank schreiben lassen, aber die Jobkonkurrenz sei so groß, daß man dies tunlichst unterließe.)
Der größte Wunsch meiner ersten Interviewpartnerin in Ja­pan war, daß sie, die mit 45 Jahren operiert worden war, das Rentenalter erlebt. Sie kann mit 60 in Rente gehen. Außerdem hat sie mir ans Herz gelegt, ein gutes Buch über meine Inter­views zu schreiben. Es sei so wichtig, mit anderen Betroffenen Erfahrungen auszutauschen und Optimismus zu verbreiten.
In Japan habe ich auch vom „Löwenzahn-Club“ (Dande­lion Club) gehört, einem Zusammenschluß von Frauen, die Brustkrebs hatten und im Kyushu Krebszentrum behandelt wurden. Drei Mitglieder dieses Clubs standen mir für ein In­terview zur Verfügung. Sie haben es sich zur Aufgabe ge­macht, zusammen mit einem Arzt in Schulen zu den Müttern von Schülern über die Notwendigkeit der Krebsvorsorge und Mammographie zu sprechen – und zwar auch um der Kinder willen. Denn wie eine Untersuchung der Hiroshima Universi­tät ergab, litten mehr als die Hälfte der über 12jährigen Kinder, die bei Müttern mit einer Krebserkrankung lebten, an Depres­sionen. Nach Aussagen des Onkologen Dr. Shinji Ono vom Kyushu Cancer Center bekommt in Japan eine von 30 Frauen, statistisch gesehen eine Mutter pro Klasse, Brustkrebs. (In west­lichen Industrieländern trifft es annähernd jede achte Frau, al­lerdings ist die Überlebensquote höher als in Japan.) Die hö­here Sterberate in Japan sei auf die im Vergleich zu Europa ziemlich späte Einführung der Mammographie zurückzufüh­ren. Brustkrebs gilt nach Auskunft meiner japanischen Ge­sprächspartnerinnen als tödliche Krankheit. Dagegen meinte eine Amerikanerin aus Los Angeles, die vor 3 Jahren Brustkrebs hatte, daß nach ihrer Erfahrung Brustkrebs in Amerika nicht mehr als tödliche Krankheit, sondern als eine Krankheit unter vielen angesehen wird – er tritt ja auch wesentlich häufiger auf als in Asien.
Aufgefallen ist mir in Japan, daß alle Frauen, die ich inter­viewt habe, im Anschluß an die Krebsoperation in Selbsthilfe­gruppen von Krebspatienten gegangen sind und dort Freun­dinnen fürs Leben – in einem Fall auch den Mann fürs Leben – gefunden haben. Alle empfanden dies als Bereicherung, die sie auf keinen Fall missen mochten. Außerdem baten mich insbesondere die drei Frauen des „Löwenzahn-Clubs“, darauf hinzuweisen, daß die Diagnose Krebs nicht bedeutet, das Le­ben sei zu Ende; für sie hätte es sich danach erst richtig entfal­tet. Mein Eindruck war, daß enge Freundschaften unter Frauen in Japan eher selten vorkommen. Insofern bedurfte es vielleicht eines solchen krisenhaften Einschnitts, um Frauen „zusammenzuschweißen“. Bemerkenswerterweise hat nur eine einzige Gesprächspartnerin erwähnt, daß sie mit ihrer Brust ein Symbol ihrer Weiblichkeit verloren habe. Sie plädierte für psychologische Hilfe. Sie schien mir die unkonventionellste unter meinen Interviewpartnerinnen zu sein, und mit 36 Jah­ren (zum Zeitpunkt der Operation) war sie auch die jüngste.
Was das Gesundheitssystem in Japan anbetrifft, so sind die Vollzeitangestellten (einschließlich nicht-arbeitender Famili­enmitglieder) normalerweise über Ihren Arbeitgeber versichert. Diese Staatliche Krankenversicherung übernimmt 70 bzw. 80 Prozent der Kosten der Operation, Chemotherapie und Strah­lenbehandlung. Mit einer privaten Zusatzversicherung gegen Krebs, Herzinfarkt und Schlaganfall oder einer Lebensversi­cherung kann die Höhe der Selbstbeteiligung gesenkt werden, aber ein Selbstbehalt bleibt bestehen. Wie mir eine Ge­sprächspartnerin berichtete, übernimmt die Staatliche Kran­kenversicherung keine Kosten für Reha-Maßnahmen, wie zum Beispiel Lymphdrainage oder –massagen oder gar einen Reha-Aufenthalt in einer Kurklinik. Wer, wie meine zweite Inter­view-Partnerin, eine Teilzeit-Arbeit annimmt, muß bei einer Erkrankung erhebliche finanzielle Einbußen in Kauf nehmen. Beispielsweise entfällt der Versicherungsschutz über den Ar­beitgeber.
Mittlerweile gibt es Brustkrebs-Vorsorgeprogramme, die teilweise von den Gemeinden finanziert werden. In der zwei-Millionen-Stadt Fukuoka läuft das folgendermaßen ab: Für Frauen ab 40 Jahre ist alle zwei Jahre eine Vorsorgeuntersu­chung mit Mammographie vorgesehen. Die Patientin zahlt 500 Yen (knapp 4 Euro), den Rest übernimmt die Stadt Fu­kuoka. Dies wird in anderen japanischen Städten unterschied­lich gehandhabt.

Erfahrungen in China

China steht vor einer umfassenden Reform des Gesundheitssy­stems. Bisher gilt offenbar der Satz: „Wer arm ist, stirbt eher“. Das Gefälle zwischen Städten und ländlichen Gegenden ist bei der Gesundheitsversorgung entsprechend groß. Eine Ge­sprächspartnerin erzählte mir, daß die meisten Menschen auf dem Lande keine Krankenversicherung hätten und, sofern überhaupt ein Arzt verfügbar sei, auch zu arm seien, um für die Behandlungskosten selbst aufzukommen.
Wenn man Angestellter einer staatlichen Firma oder einer staatlichen Institution wie Universität, Krankenhaus etc. ist (und die befinden sich in der Regel in der Stadt und nicht auf dem Land), kommt der Arbeitgeber, also der Staat, für die Ko­sten der stationären und der ambulanten Behandlung auf. Früher deckte er den gesamten Betrag ab, seit 1998 gibt es ei­nen Selbstbehalt von 20 Prozent. Wie mir eine Gesprächspart­nerin erzählte, kann man neuerdings bis zum 60. Lebensjahr den Selbstbehalt im stationären Bereich über eine private Ver­sicherung abdecken. Im Jahre 2000 entstanden unabhängige Krankenversicherungen. Der Arbeitnehmer zahlt 3 Prozent vom Gehalt, der Arbeitgeber 6 Prozent. Rund 30 Prozent der chinesischen Bevölkerung sind krankenversichert. In den Städ­ten haben die meisten Familien auch eine Krankenversiche­rung für ihre Kinder; 70 bis 80 Prozent der Schulen bieten eine Sammelversicherung für Schüler an, in die die Eltern ge­ringe jährliche Beiträge einzahlen. Zusätzlich gibt es eine Schüler-Unfallversicherung.
Das Gesundheitssystem sowohl in Japan als auch in China steht vor ähnlichen Problemen der demographischen Entwick­lung wie in Deutschland: Die Lebenserwartung hat deutlich zugenommen, die Zahl der über 60jährigen steigt; in 20 Jahren wird es rund 170 Millionen Chinesen geben, die älter als 60 Jahre sind.
In Japan gilt Brustkrebs als tödliche Krankheit, dagegen be­trachteten meine chinesischen Gesprächspartnerinnen Brust­krebs als „normale“ Krankheit. Auch Ärzte wie Dr. Wang, Lungenfachärztin in Tangshan, bestätigten dies. Aus ihrer Sicht gibt es dafür drei Gründe:
· Oft würden die Frauen vom Arzt im unklaren gelassen.
· Brustkrebs gelte noch am ehesten als heilbar, weil er relativ einfach weggeschnitten werden könne (im Gegensatz z. B. zu Leber-, Magen- oder Nierenkrebs).
· Viele Frauen hätten keine Ahnung über eventuelle Konse­quenzen wie Metastasen, weil ihnen jegliches Wissen über Krebs fehle. Das gelte insbesondere für ländliche Gegen­den.
In China wird bei einer Brustkrebs-Operation häufig die ge­samte Brust amputiert mit der Begründung, daß dies die si­cherste Methode sei, die Krebszellen loszuwerden. Seit neue­stem operiert man in einigen wenigen Krankenhäusern brust­erhaltend oder macht sogar einen Brustaufbau, dies aber allen­falls bei jungen Frauen. Dennoch hatte ich bei keiner Ge­sprächspartnerin den Eindruck, daß sie wegen des Verlustes ihrer Brust oder beider Brüste mit dem Schicksal haderte. Eine Frau erklärte mir das so: Die Chinesin sieht ihre Brust als wichtig zum Stillen. Ist das erledigt, hat die Brust ihre Aufgabe erfüllt. Sie kann abgeschnitten werden, wenn dies medizinisch angezeigt ist. Zumindest in der ländlichen und städtischen ar­beitenden Bevölkerung gilt die Brust nicht als Symbol für At­traktivität, Sexyness oder Schönheit. Frauen und auch die Männer finden sich mit dem Verlust der Brust ab, Hauptsache gesund. Im übrigen scheint das Äußerliche ab circa 40 Jahren ohnehin nicht mehr interessant zu sein.
Der Körper wird in China eher als Energiehaushalt denn als Schönheitsobjekt gesehen. Der Sinologe und Philosoph Fran­cois Julien drückt es so aus: „ Der Körper wird nicht anato­misch, sondern energetisch betrachtet, wie eine Art Sack, der durchlässig ist für die Energiezirkulationen, die beispielsweise der Akupunkteur in den Blick nimmt“.
Ein junger Onkologe in einem sehr modernen Krankenhaus in Hangzhou (in der Nähe von Shanghai) erklärte mir, daß es in seiner Klinik Patientengespräche gäbe. Eine Patientin, der es nach Brustoperation oder Chemo relativ gut geht, wird ge­beten, andere Krebspatientinnen in ihren Zimmern zu besu­chen und ihnen über ihre Erfahrungen zu erzählen. Er hält das für eine sehr gute Idee, denn die Hinweise einer unmittel­bar Betroffenen fänden die Patientinnen wesentlich überzeu­gender als die Ratschläge von Ärzten. Er wies auch darauf hin, daß für ihn die Kombination von westlicher Medizin und TCM (= Traditioneller Chinesischer Medizin) optimal sei, denn mit TCM könne vor allem die psychische Befindlichkeit der Patientinnen verbessert werden. Dies wirke sich positiv auf ihren Gesamtzustand aus. Mehrere Gesprächspartnerinnen erwähnten, daß sie mehrere Jahre Medikamente der TCM eingenommen hätten. Regelmäßig Qi Gong zu betreiben, hat ebenfalls einigen geholfen, ihren Körper und Geist zu stabili­sieren.
In China scheint es gang und gäbe zu sein, daß Arbeitskol­legen die kranke Kollegin im Krankenhaus und zu Hause be­suchen, ihr Blumen und Geschenke mitbringen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Eine Gesprächspartnerin sagte mir, daß man sich mit seiner Arbeitsgruppe und dem Unter­nehmen identifiziere und sich umeinander kümmere. In ande­ren Ländern lebe der Einzelne vielleicht isolierter, individuel­ler. Mir fiel ein Interview mit einem krebskranken Mann in Finnland ein, der mir erzählt hatte, daß er während seines Krankenhausaufenthaltes und mehrerer Wochen zu Hause nicht ein einziges Mal von Kollegen besucht oder angerufen worden sei. Er meinte, ein solches Verhalten sei in Finnland nicht unüblich. Man trenne deutlich zwischen Arbeit und Pri­vatsphäre, und Kranksein gehöre in den Privatbereich. Außer­dem vermutete er, daß Finnen nicht so gern mit einer Situa­tion konfrontiert wären, in der sie nicht wüßten, wie sie damit umgehen oder was sie sagen sollen. Aber letzteres ist sicherlich nicht nur ein finnisches Phänomen.

Erfahrungen in Finnland

Einige Wochen nach meiner Asienreise sprach ich mit drei Frauen in Helsinki über ihren Umgang mit Brustkrebs. Vergli­chen mit dem, was ich in China und Japan gehört hatte, gab es deutliche Unterschiede in der Körperwahrnehmung. Alle drei erzählten mir, wie froh sie über einen Brustaufbau gewesen seien, weil sie sich erst danach wieder mit ihrem Körper wohl­fühlen konnten. In Finnland erhält man nach der Brustkrebs­operation eine Einladung zu einem Gespräch in einer Krebs­klinik wegen der weiteren Behandlung (z. B. Chemo, Bestrah­lung, Hormonersatztherapie). Nach weiteren rund zwei Mona­ten folgt eine Einladung zum plastischen Chirurgen we­gen ei­nes Brustaufbaus, der allerdings in der Regel frühestens zwei Jahre nach der Mastektomie durchgeführt wird. All dies wird von der Gesetzlichen Krankenkasse gezahlt. Obwohl der Brustaufbau (aus der Bauchhaut oder aus der Rückenmuskula­tur) mit wesentlich größeren Schmerzen („… als wäre man un­ter eine Planierraupe geraten …“) verbunden war als die ei­gentliche Krebsbehandlung, würden sich meine Gesprächs­partnerinnen dieser komplizierten Operation wieder unterzie­hen. Allerdings wird der Brustaufbau nur einmal fi­nanziert. Eine Interviewpartnerin machte die schmerzliche Er­fahrung, daß die Rekonstruktion wieder entfernt werden mußte, weil sich im Gewebe darunter Metastasen gebildet hat­ten.
Die unterschiedliche Haltung zum eigenen Körper, die ich in China und Finnland gespürt habe, beruht möglicherweise auf kulturellen Unterschieden im Umgang mit dem Körper. Es spielt sicher auch eine Rolle, ob die Kosten von der Kranken­versicherung übernommen werden, wie dies heute in vielen westlichen Industrieländern der Fall ist, oder ob – wie in China – die Kosten für einen Brustaufbau überwiegend privat zu tragen wären. Warum aber übernimmt die Krankenversi­cherung diese Kosten in zahlreichen westlichen Ländern? Das ist nicht nur eine Frage der finanziellen Möglichkeiten und des Entwicklungsstandes in einer Volkswirtschaft, sondern auch Ausdruck der in diesem Land herrschenden Werte. In vielen europäischen Ländern gibt es so etwas wie ein „Grund­recht“ auf einen ganzen (= nichtverstümmelten) Körper und dem wird Rechnung getragen. Wie dies in Zukunft angesichts der Kostenexplosion in den jeweiligen Gesundheitssystemen gehandhabt wird, bleibt abzuwarten.

Universelle Phänomene

Es lohnt sich, noch einmal auf die eingangs erwähnten „Glücksfaktoren“ als Kraftquelle zurückzukommen, die bei der Bewältigung einer Krankheit eine große Rolle spielen. Manche Phänomene scheinen Allgemeingültigkeit beanspruchen zu können.
Bei meinen japanischen Gesprächspartnerinnen waren Ehemann, Kinder, Familie die primäre Kraftquelle, während die intensiven neuen Freundschaften mit Betroffenen einen entscheidenden Zugewinn an Lebensqualität nach der Krank­heit darstellten. Ehemann, Kinder und Familie bildeten auch bei meinen chinesischen Gesprächspartnerinnen die entschei­dende Kraftquelle. Einige erzählten mir, daß ein Familienmit­glied in aller Regel das Essen für die Kranke kocht und es ihr ins Krankenhaus bringt. Wer nicht in diesen Genuß kommt, muß im Krankenhaus zwar nicht verhungern, aber mit dem vorliebnehmen, was das Krankenhaus anbietet – und das ist wohl nicht unbedingt das allerbeste Essen. In einigen Fällen machte sich der Ehemann sehr viel mehr Sorgen um seine Frau als die Betroffene selbst. Vielleicht liegt das auch daran, daß die chinesischen Ärzte dem Ehemann die Wahrheit gesagt hatten, der Frau aber nicht. Eine junge Soziologin der Peking Universität erklärte es mir sehr prosaisch: In China ist die Ehe keine Angelegenheit von Liebe sondern ein Zweckverband – auch im ökonomischen Sinn. Wenn ein Verdienst ausfällt, ist das Gleichgewicht gestört. Der Ehemann bemüht sich, daß bald wieder alles im Lot ist – daher die Fürsorge. – Es ist aber wohl doch auch Zuneigung im Spiel. Von einigen Chinesin­nen hörte ich Aussagen wie, „ … mein Mann ist nach meiner Erkrankung viel netter geworden. Er ist toleranter und küm­mert sich mehr darum, was ich möchte.“
Es ist nicht überraschend, daß auch bei meinen finnischen Interviewpartnerinnen Familie und Freunde eine entschei­dende Kraftquelle darstellten. Darüber hinaus war das aktive Tun verbunden mit einem Sich-Selbst-Beweisen eine wichtige Etappe auf dem Weg zurück ins Leben. Zwei meiner Ge­sprächspartnerinnen nahmen an einem bemerkenswerten Pro­jekt teil: Rund zehn Frauen aus verschiedenen europäischen Ländern, die alle Brustkrebs gehabt hatten, machten eine Ex­pedition nach Südamerika, um den circa 6000 Meter hohen Aconcagua zu besteigen. Für beide bedeutete es eine riesen­große Herausforderung, aber sie wollten auch anderen damit zeigen, daß ein gutes Leben nach der Krebserkrankung mög­lich ist. Dies scheint in manchen Ländern wenig bekannt zu sein, weil Brustkrebs nicht nur tabuisiert sondern geradezu stigmatisiert wird. Als das Expeditionsteam in Santiago landete, fand eine Pressekonferenz statt. Ein Journalist fragte eine mei­ner Gesprächspartnerinnen: „Wie können Sie verheiratet sein, wo Sie doch Brustkrebs haben?“
Eine der beiden schaffte es bis zum Gipfel. Sie empfand dies für sich als wichtigen Schritt zur Normalität, nämlich daß sie ihrem Körper wieder vertrauen konnte; sie wollte aber da­mit auch ein deutliches Zeichen für andere setzen: „Als ich die finnische Flagge hißte, tat ich das nicht nur für unser Team sondern für jeden, der von Krebs betroffen ist. Denn Krebs be­einträchtigt nicht nur das Leben des daran Erkrankten sondern das der ganzen Familie und der betreuenden Freunde.“

Blick nach Amerika

Zum Schluß möchte ich noch einige Eindrücke von meiner Reise nach Kanada und den USA wiedergeben. In London/Ontario sprach ich mit einer Frau, die vor 15 Jahren ihre erste Mastektomie hatte. Zu der Zeit zahlte die kanadische Krankenversicherung bei einer solchen Operation einen Kran­kenhausaufenthalt von 10 Tagen. Meine Gesprächspartnerin hat den Aufenthalt in einem Privatzimmer mit fürsorglichen Schwestern und guten Ärzten in bester Erinnerung. Sie meint noch heute, daß diese Tage der Ruhe sehr zu ihrer Heilung beigetragen hätten. Sechs Jahre später mußte ihre andere Brust amputiert werden. Inzwischen waren sie in die USA gezogen. Sie hatte ihren Job als Lehrerin aufgegeben. Ihr Mann arbei­tete in einem großen Unternehmen, über das sie gut versichert waren, und verdiente ausreichend für die ganze Familie. In den USA zahlten die großen Versicherungen bei einer Mastek­tomie damals lediglich einen Krankenhausaufenthalt von eini­gen Stunden, quasi wie in einer Tagesklinik. Meine Ge­sprächspartnerin bezeichnet dies als Drive-through-System. Nur mit Sondergenehmigung des Arztes konnte sie nach der Operation eine – bezahlte – Nacht im Krankenhaus bleiben.
In Kanada übernimmt die staatliche Versicherung heute nach einer Brustamputation die Kosten eines Krankenhausauf­enthalts von maximal 48 Stunden. Aber wie mir eine Ge­sprächspartnerin in Montreal sagte, wollen die Patienten oh­nehin so schnell wie möglich das Krankenhaus verlassen, um sich im Krankenhaus nicht noch mit Krankheitserregern anzu­stecken. Die Hausbesuche der Krankenschwester in den fol­genden Tagen wurden von ihrer (privaten) Krankenkasse ge­zahlt.
Eine Freundin, die in San Francisco lebt, mußte sich dort gerade einer modifizierten Radikalamputation mit Entfernung von Lymphknoten unterziehen. Um 7:00 Uhr morgens war sie in die Ambulante Chirurgie bestellt. Gegen 15:00 nachmittags holte sie ihr Mann ab. Zuvor hatte er in der Krankenhausapo­theke für sie zwei Schmerzmittel verschiedener Stärke besorgt. Sie hatte zwei Schläuche heraushängen, mit einem Sammel­beutel, da noch einiges ablief. Die Beutel mußte sie selbst lee­ren und über die Mengen Buch führen. Ein paar Tage nach der Operation rief eine Krankenschwester an und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Klammern und Schläuche kamen zehn Tage nach der Operation heraus. Meine Freundin war früher über ihren Mann versichert. Seit seinem 65. Geburtstag muß sie sich selbst versichern. Das kostet sie circa 440 Dollar im Monat mit einem Selbstbehalt von maximal 2.500 Dollar p.a. Sie hätte im Krankenhaus bleiben können aber dann pro Nacht 200 Dollar aus eigener Tasche zahlen müssen. Meine Freundin meint, daß man sich im Krankenhaus eher etwas holt als sich zu erholen. Deshalb wollte sie schnell nach Hause. Sie ist allerdings überzeugt, daß es ohne die Hilfe ihres Mannes und ihrer Freundin gar nicht gegangen wäre. Sie kann sich nicht vorstellen, wie das Frauen ohne Familie und engen Freundeskreis oder Frauen mit kleinen Kindern schaffen. Aus ihren Berichten schließe ich, daß die Therapie sehr effizient abläuft. Ihre Familie und Freunde aber auch Ärzte und The­rapeuten kümmern sich offensichtlich sehr um sie, und sie macht gute Fortschritte. Ihr Mann besucht eine Angehörigen­gruppe für Männer, die Krebskranke betreuen.
In den USA und Kanada wurden die Liegezeiten in Kran­kenhäusern stark zugunsten ambulanter Behandlungen ver­kürzt. Die Reaktion darauf ist auch in Amerika unterschied­lich. Manche empfinden die „Drive-through-Methode“ als viel zu riskant, andere halten sie für ausgesprochen sinnvoll und empfehlenswert. Eine Krankenschwester im Gillette Cancer Center des renommierten Massachusetts General Hospital in Boston war voll des Lobes über die Brustkrebs-Behandlung in ihrem Krankenhaus, das heißt Lympektomie (Entfernen von Lymphknoten) als ambulante Operation durchzuführen und bei einer Mastektomie (Entfernen des Brustgewebes) einen Krankenhausaufenthalt von maximal 48 Stunden einzuplanen. Die Kosten dafür werden i.d.R. von der Krankenversicherung übernommen. Allerdings gibt es in den USA rund 40 Millio­nen Menschen ohne Krankenversicherungsschutz. Im Gillette Cancer Center führt die Patientin zunächst ein eingehendes Beratungsgespräch mit einem Ärzteteam bestehend aus Onko­logen, Chirurgen und Radiologen; danach nimmt sie an einer ausführlichen Informationsstunde teil, in der es über das Le­ben nach Brustoperation und Chemo geht. Hier sprechen auch frühere Patientinnen über ihre Erfahrungen. Während­dessen setzt sich das Ärzteteam einschließlich Pathologen zu einer ausführlichen Beratung zusammen. Erst dann wird der Operationstermin festgelegt. Meine Gesprächspartnerin Schwester Gwen wies darauf hin, wie wichtig es sei, daß Ärzte und Patientin die Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten in einem partnerschaftlichen Verhältnis besprächen. „Frauen sol­len sich bei uns geborgen fühlen und auf diese Weise ihre Kräfte mobilisieren.“ Mir scheint, das Gillette Cancer Center hat mit diesem Ansatz Erfolg. Denn laut Schwester Gwen las­sen sich circa 85 Prozent der Patientinnen, die kommen, weil sie eine zweite Meinung einholen wollen, dort operieren und gehen zur Weiterbehandlung zurück zu ihrem jeweiligen Arzt am Wohnort.

Schlußfolgerung

Für die Beurteilung unseres Gesundheitssystems ist es hilfreich zu reflektieren, wie man im Ausland mit Krankheit umgeht. Ein Vergleich mit ausländischen Gesundheitssystemen zeigt, daß das deutsche System trotz aller Kritikpunkte auf ziemlich hohem Niveau steht. Da es aber auf diesem Niveau und mit der gegebenen Struktur, insbesondere wenn die Ansprüche weiter steigen, in Zukunft nicht mehr finanzierbar sein wird, muß es grundlegend reformiert werden. Wie auch immer die Gesundheitsreform aussehen wird, sei daran erinnert: Jeder Einzelne kann für sich einiges tun, um gesund zu bleiben. Auch im Krankheitsfall gibt es oft Möglichkeiten, als mündiger Patient zur Genesung beizutragen. Die Gesundheitswissen­schaftlerin Annelie Keil drückt das so aus: „Jedes Gesundheits­programm darf nicht nur im Mittelpunkt haben, daß es um die Gesundheit eines Menschen geht, sondern daß es um ein Le­ben geht! Das um so schöner ist, je gesünder oder besser: wohlbefindlicher ich mich verhalte … “ Das vorliegende Buch liefert dazu einige Denkanstöße.
* Ich danke allen, die mich bei meinen Reisen unterstützt haben – siehe Einleitung.